Woran erkenne ich passiv-aggressives Verhalten?

Veröffentlicht am 02. Januar von Lieselotte Wever in Besser leben

Passiv-aggressiv: Ist das nicht ein Widerspruch? Kann jemand passiv sein und sich gleichzeitig aggressiv verhalten? Egal, ob Du den Begriff schon einmal gehört hast oder weißt, worum es dabei geht: Du hast auf jeden Fall schon mit passiv-aggressivem Verhalten zu tun gehabt. Hier erfährst Du mehr darüber und wie Du am besten damit umgehst.

Frau dampft vor Wut aus den Ohren, steht unter Druck
Wer die Ursachen für passiv-aggressives Verhalten kennt, kann angemessen darauf reagieren und kommt nicht unter Druck

Wie zeigt sich passiv-aggressives Verhalten?

Passives und aggressives Verhalten schließt sich nicht gegenseitig aus. Im Gegenteil: Passiv-aggressives Verhalten tritt in zahlreichen Varianten auf und ist im Alltag weit verbreitet. Du wirst Dich schon bei Freunden, Nachbarn, Kollegen und Familienangehörigen darüber geärgert haben. Es kann sogar sein, dass Du selbst nicht immer ganz frei davon bist.

Beleidigtsein, Schmollen und eine unversöhnliche Trotzhaltung einnehmen zählen zum Beispiel dazu. Dienst nach Vorschrift beziehungsweise nur das Allernötigste tun ist ebenfalls passiv-aggressiv. Um Ausreden für ihr Benehmen sind solche Menschen nicht verlegen. Außerdem geben sie gern anderen die Schuld. Oft glauben sie sogar selbst an ihre Ausflüchte. Charakteristisch ist, dass sie sich häufig ungerecht behandelt fühlen. In manche ihrer unangenehmen Situationen haben sie sich allerdings selbst hineinmanövriert. Nur erkennen sie nicht ihren Anteil daran, sondern suchen die Schuld bei anderen. Passiv-aggressive Menschen sehen sich als Opfer.

Ihr je nach Sachlage selbstmitleidiges bis sabotierendes Verhalten macht den Umgang mit ihnen schwierig. Konstruktive Gespräche sind so kaum möglich. Passiv-aggressive Menschen wirken manchmal wie kleine Kinder, auf jeden Fall unzugänglich und unwillig. Anderen gehen sie mit ihrem Verhalten gehörig auf die Nerven. Wer es mit einer passiv-aggressiven Person zu tun bekommt, fühlt sich im besten Fall genervt oder verärgert, gelegentlich aber auch erpresst oder verzweifelt.

Passiv-aggressives Verhalten kennzeichnet das Vermeiden einer direkten Konfrontation und ein indirekter Widerstand gegen geäußerte Bitten oder Verpflichtungen. Von beiden Verhaltensweisen lässt sich mit der Vermeidung der direkten Konfrontation erheblich schwieriger umgehen.

Ursachen für passive Aggressionen

Ursächlich für passiv-aggressives Verhalten sind hauptsächlich mangelndes Selbstbewusstsein und Konfliktscheu. Solche Personen haben Angst davor, Klartext zu reden, verbale Auseinandersetzungen zu riskieren und womöglich dabei eine Niederlage zu erleiden. Hinzu kommt, dass sie ohnehin oft eine pessimistische Grundeinstellung haben. Sie trauen sich nur wenig zu, was auch Misserfolge bei Streit einschließt. Als weitere Ursachen für passive Aggressionen gelten eine erhöhte Sensibilität und ein stärkeres Harmoniebedürfnis. Zur Vermeidung von Streit unterdrücken die Betroffenen zunächst ihre negativen Emotionen, um sich später mit spitzen Bemerkungen davon zu entlasten.

Da passiv-aggressive Menschen Gefühle wie Enttäuschungen, Frust und Ärger nicht offen zeigen können, weichen sie auf passive Aggressionen aus. Sie reden um den heißen Brei herum. Sie verstehen es nicht, lösungsorientiert an Probleme heranzutreten. Stattdessen versuchen sie, ihren Gegenspielern ein schlechtes Gewissen zu bereiten.

Passive Aggression ist kein neurotischer Charakterzug, den nur bestimmte Personen aufweisen. Sie kann zwar zu den Merkmalen einer neurotischen Charakterstruktur gehören, doch kann sich grundsätzlich jeder gelegentlich so verhalten. Erscheint eine Situation von vornherein chancenlos, kann dies auch bei sonst durchaus selbstbewussten und konfliktbereiten Menschen zu passiver Aggression führen, dann oft gepaart mit Zynismus oder Sarkasmus. Außerdem kann passiv-aggressives Verhalten von der aktuellen Tagesform abhängen. Fühlt sich jemand angeschlagen, müde und kraftlos, reagiert er eher passiv-aggressiv. Ebenso können hierarchische Verhältnisse ein passiv-aggressives Verhalten begünstigen, indem jemand beispielsweise gegenüber seinem Vorgesetzten offene Kritik scheut. Hier ist es wichtig, dass das Verhalten kein Dauerzustand wird, sondern lediglich aufschiebende Wirkung hat, bis mit mehr Besonnenheit ein klärendes Gespräch folgt.

6 Beispiele für passive Aggressionen

Mehrere anschauliche Beispiele sollen Dir typische passiv-aggressive Verhaltensweisen demonstrieren. Wahrscheinlich erkennst Du darin einige Begebenheiten aus Deinem Alltag wieder. Nummer 4 wird Dich verblüffen.

1. Passiv-aggressive Menschen meiden die unmittelbare Konfrontation

„Ey, spinnst Du?“, „Das möchte ich nicht! Und zwar deshalb …“ Oder: „Komm, darüber müssen wir einmal gründlich reden!“, solche Sätze wirst Du aus dem Mund eines Passiv-Aggressiven niemals hören. Schließlich ist er kein Freund klarer Worte. Dafür ist er umso geschickter darin, sich zurückzuziehen und Dir dabei ohne Worte ein schlechtes Gefühl zu verursachen. Dieses schlechte Gefühl beziehungsweise schlechte Gewissen ist dann oft seltsam diffus. Du fühlst Dich verantwortlich für die offensichtlich nicht positive Verfassung Deines Gegenübers, ohne eine persönliche Schuld daran zu erkennen. Womöglich entschuldigst Du Dich jetzt auch noch, um eine bessere Stimmung herzustellen – leider vergebens.

Wenn Dein Gegenüber von sich aus der direkten Konfrontation aus dem Weg geht, liegt es nahe, umgekehrt direkter zu werden. Daraus ergibt sich meist dieser typische Wortwechsel: „Ist etwas?“ – „Nein, was soll sein?“ – „Du hast doch etwas.“ – „Nein.“ – „Komm, sag schon … Du bist doch mit etwas nicht einverstanden./ Dich bedrückt doch etwas.“ – „Nein, ich sagte doch schon: Es ist nichts.“ Das Gesicht dazu spricht allerdings eine andere Sprache: beleidigt, vorwurfsvoll oder traurig. Ein bisschen fühlst Du Dich an Sketche von Loriot erinnert. Du merkst, Du kommst nicht weiter. Selbst wenn die passiv-aggressive Person bedrückt oder traurig wirkt, stellt sich bei Dir statt Mitgefühl fast immer Verärgerung oder sogar Wut ein. Du fühlst Dich hilflos. Gleichzeitig hast Du den Eindruck, Dein Gegenüber genießt einen stillen Triumph.

2. Womit passiv-aggressive Menschen ihren Mangel an Konfrontationsbereitschaft kompensieren

Falls Du jetzt denkst, dass passiv-aggressive Menschen einfach nur schüchtern sind und deshalb eine direkte Konfrontation meiden, liegst Du mit dieser Annahme eher selten richtig. Natürlich trägt Schüchternheit nicht gerade zur Konfrontationsbereitschaft bei und kann passiv-aggressives Verhalten begünstigen.

Im Umgang mit passiv-aggressiven Menschen wirst Du allerdings erfahren, dass diese sehr wohl in der Lage sind, ihren Unmut auszudrücken. Statt jedoch direkt mit Dir eine Verhandlung oder Auseinandersetzung auszutragen, beklagen sie sich hinterrücks bei anderen über Dich und das überraschend schnell. Plötzlich haben sie keine Hemmungen mehr, Dich schlecht zu machen, um sich anschließend selber besser zu fühlen. Was sie dabei nicht bedenken: Ihr Problem mit Dir lösen sie so kaum. Vielmehr verursachen sie damit weitere Probleme, denn die allgemeine Stimmung leidet. Außerdem wirkt ihr Benehmen unsympathisch und unreif.

Manchmal lassen sich Passiv-aggressive auch etwas mehr Zeit, bis sie ihren Ärger über ein von ihnen nicht direkt geklärtes Ereignis herauslassen. Du kannst eine Sache längst vergessen oder zumindest abgehakt haben – auf einmal kommt die passiv-aggressive Person damit aus der Deckung. Ihr Verhalten hat dann etwas von einem Rachefeldzug. Vergiss nicht: Diese Menschen fühlen sich oft ungerecht behandelt. Sie schrecken deshalb nicht vor einer hinterhältigen Intrige zurück, um endlich Genugtuung für vermeintliches Unrecht zu erhalten.

Zynismus und Sarkasmus dienen einigen passiv-aggressiven Menschen ebenfalls als Frustrationsventile. Werden sie von anderen damit konfrontiert, bagatellisieren sie ihre Bemerkungen gern mit Sätzen wie: „Das war doch nur Spaß!“ oder „Mensch, da hab ich doch jetzt extra übertrieben!“

In ihrem Verhalten bestärken sich Passiv-aggressive gelegentlich selbst, wenn sie ihren Ärger nicht nur vor ihrem Gegenüber, sondern auch vor ihrem Umfeld verbergen und sich trotz allem gut gelaunt geben. Außer ihnen ahnt niemand, wie sehr es in ihnen brodelt, bis sie sich mit intriganten oder rachsüchtigen Aktionen Luft verschaffen.

3. Passiv-aggressive Verweigerung

Hast Du das nicht auch schon erlebt: Ein Kollege erledigt eine Tätigkeit extrem langsam oder fehlerhaft, obwohl er sie gemessen an seinen sonstigen Leistungen schneller und besser können müsste. Auffällig ist, dass es sich dabei um besonders langweilige, umständliche, anstrengende oder schmutzige Arbeiten handelt. Offensichtlich möchte der Kollege sich nur oberflächlich damit abgeben oder hofft sogar, dass ihm diese Tätigkeit entzogen und jemand anderem übertragen wird. Oder ein hilfsbereiter Mitarbeiter sagt: „Gib her, ich mache das.“

Hier drückt sich der Kollege durch passiv-aggressives Verhalten vor einer ungeliebten Aufgabe, statt offen zu sagen, dass ihm eine Tätigkeit nicht liegt und er lieber etwas anderes übernehmen würde. Die Chance, damit durchzukommen, ist allerdings gering. Kollegialer wäre es allemal, in den sauren Apfel zu beißen und den Job durchzuziehen. Schließlich gibt es an jedem Arbeitsplatz beliebte und weniger beliebte Tätigkeiten, die gerecht unter allen aufgeteilt werden sollten.

Eine weitere Strategie der Passiv-aggressiven ist das absichtliche Vergessen von Terminen oder Aufgaben. Wo andere um die Verschiebung einer Verabredung bitten oder einen Termin absagen, bleiben diese Menschen einfach unangekündigt fern. Ein derartiges Verhalten geht über herkömmliche Konfliktvermeidung hinaus und ist bereits grob unhöflich. Es drückt dem anderen Menschen gegenüber Missachtung aus, der nun vergebens zum Treffen erschienen und dessen Zeit vergeudet ist. Das „Vergessen“ von Aufgaben wiederum erinnert an das zuvor geschilderte verlangsamte oder schlechte Erledigen unliebsamer Arbeiten.

4. Wie sich passiv-aggressive Menschen selbst klein machen

Mangelndes Selbstbewusstsein als eine der Ursachen für passiv-aggressives Verhalten führt dazu, dass sich davon betroffene Menschen manchmal selbst klein machen. Wo andere auch schwierige anstehende Arbeiten beziehungsweise Aufgaben anpacken und versuchen, sie bestmöglich zu bewältigen, geben sich passiv-aggressive Menschen von vornherein verzagt. Es mag Dich erstaunen, aber diese Personen reden sich selbst schlecht, so sehr lähmt sie ihre eigene Unsicherheit. Ihr fehlendes Selbstvertrauen funktionieren sie um – ob geschickt oder unbewusst, ist nicht immer eindeutig. Sie erklären, mit einer bestimmten Aufgabe überfordert zu sein. Werden sie dann trotzdem damit betraut und scheitern sie dabei, wird aus ihrer Ankündigung prompt eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Weil sie es ja gleich gesagt haben, sind folglich die anderen am Misslingen schuld. Oft genug fühlen sich diese dann auch selbst so und entschuldigen sich noch.

5. Wie Passiv-Aggressive andere manipulieren

Manchmal können passiv-aggressive Menschen nicht aus ihrer Haut heraus und wären wohl gern selbst häufig anders. Oft genug jedoch wenden sie passive Aggression ganz bewusst als manipulative Taktik an. Sie setzen dabei raffiniert auf Mitleid, Ungeduld und Schuldgefühle von anderen. Wo andere direkt um Unterstützung bitten, übertreiben passiv-aggressive Personen ihre Situation und erhalten daraufhin Hilfe. Das klappt fast immer, gelegentlich sogar in größerem Ausmaß, als nötig gewesen wäre. Den Passiv-Aggressiven ist es meistens egal, wenn ihre Unterstützer nur halbherzig handeln und sich durch ihre Hilfsbereitschaft womöglich eigene Nachteile einhandeln.

6. Redewendungen, zu denen passiv-aggressive Menschen gern greifen

Ob manipulatives Repertoire oder erfolgreicher Selbstschutz: Im Umgang mit passiv-aggressiven Menschen werden Dir bestimmte Redewendungen immer wieder begegnen:

„Nein, es ist nichts.“

Bereits in Punkt 1 unserer Aufstellung passiver Aggressionen kam diese Formulierung zur Sprache. Sie gehört quasi zum passiv-aggressiven Grundwortschatz beziehungsweise -satzgut.

„Das verstehst Du nicht.“

Schwupps, schon bist Du selber schuld! Und weil Du etwas angeblich nicht verstehst, macht sich der andere gar nicht erst die Mühe, mit Dir näher darüber zu sprechen oder es Dir womöglich zu erklären. Der Satz verärgert gleich doppelt, weil der Angesprochene im Allgemeinen sehr wohl versteht und es offensichtlich ist, dass der andere damit eine Auseinandersetzung abwürgen will.

„Das habe ich doch nicht so gemeint!“

Da macht es sich aber jemand leicht. Trotz ihrer Konfliktscheu ist es eine Taktik mancher passiv-aggressiven Menschen, verbale Grobheiten oder Flapsigkeiten auszuteilen. Bläst ihnen dann scharfer Gegenwind ins Gesicht, verharmlosen sie das Gesagte mit diesem Satz. Sie sind der Auffassung, dass ihnen keiner so rasch das Gegenteil beweisen kann und ihr Verhalten deshalb für sie ohne Konsequenzen bleiben muss. Das Umfeld spürt die manipulative Absicht dahinter genau. Unzufriedenheit entsteht. Doch meistens bleibt es dabei. Die passive Aggression verlief erfolgreich.

„Ist gut, Du hast recht.“

Die Wortwahl und der Tonfall, in dem dieser Satz ausgesprochen wird, lassen keinen Zweifel daran, dass es hier keineswegs um Zustimmung geht. Der andere gibt auch nicht klein bei, um etwas im Grunde Nebensächliches abzuschließen. Vielmehr handelt es sich um eine passiv hervorgebrachte Aggression. Der andere möchte über etwas nicht diskutieren, was allerdings eine gründliche Aussprache verdient, da es momentan wichtig ist oder für die Zukunft von Bedeutung. Die passive Verweigerung durch nur scheinbare Zustimmung sorgt zwar vorübergehend für Ruhe, aber birgt künftiges Konfliktpotenzial. Sollte sich eines Tages zeigen, dass eine ausführliche Diskussion einem nun eingetretenen unangenehmen Ereignis vorgebeugt hätte, wird sich der Passiv-Aggressive hinter der Behauptung verschanzen, dass Du es unbedingt so haben wolltest, und er Dir deshalb zugestimmt habe.

„Das hätte ich doch machen können.“

Geht es um das Zuteilen einer ungeliebten Aufgabe und lässt eine passiv-aggressive Person zunächst keine Bereitschaft zur Übernahme erkennen, kann sich dies rasch ändern, sobald jemand anders sie schließlich übernommen hat. Dann erklärt die Person plötzlich, dass sie das doch auch gemacht hätte – bevorzugt dann, wenn es inzwischen dafür zu spät ist. Bei solchem scheinheiligen Getue fällt es anderen schwer, nicht wütend zu werden.

„Nicht schlecht für eine Frau …“

„Nicht schlecht für einen Mann …“ Ist eine weitere Variante des passiv-aggressiven Ausspruchs, ferner die Bemerkung: „Nicht schlecht für Deine Verhältnisse …“ Komplimente sind das alles nicht, im Gegenteil: Solche Feststellungen diskriminieren und setzen das Gegenüber herab. Sie stellen seine Leistung als außergewöhnlich hin, als etwas, wie es von der Person nicht zu erwarten war. Angeblich ist dann diese Person nicht über sich hinausgewachsen, sondern gleicht dem sprichwörtlichen blinden Huhn, das auch mal ein Korn gefunden hat.

Der beste Umgang mit passiv-aggressiven Menschen

Statt Dich weiterhin über passiv-aggressive Mitmenschen zu ärgern, überlegst Du Dir lieber, wie Du in Zukunft am besten mit ihnen umgehst. Dabei wird es Dir unter anderem helfen, Dich in sie hineinzuversetzen.

Hast Du es regelmäßig mit passiv-aggressiven Persönlichkeiten zu tun, ist das Ignorieren ihres Verhaltens auf Dauer keine Lösung. Zum einen ergeben sich daraus zusätzliche und meistens überflüssige Probleme. Zum anderen fühlen sich diese Personen in ihrem Verhalten bestätigt, setzen es fort und der Umgang mit ihnen wird immer anstrengender.

Passiv-aggressive Formulierungen hinterfragen

Sie hat das mal wieder nicht so gemeint? Er hätte sich doch auch darum gekümmert? Es ist nichts? Lasse passiv-aggressive Menschen mit ihrem Verhalten nicht länger so einfach davonkommen. Mache ihnen ihr unfaires Benehmen bewusst und konfrontiere sie damit. Auch wenn Du lieber den Weg des geringeren Widerstandes wählen und einfach darüber hinweggehen würdest, auch wenn die Anlässe banal sein mögen: In der Summe ärgerst Du Dich doch genug darüber. Du denkst: ,Wenn das jeder so machen würde!‘

Eben! Signalisiere durch Hinterfragen, dass Du das Manöver durchschaust und Dir nicht bieten lassen wirst. Frage daher: „So? Wie hast Du es dann gemeint?“ Oder: „Warum sagst Du was, obwohl Du es nicht so meinst?“ Lasse Dich nicht mit: „Ach, ist doch egal!“ oder Ähnlichem abspeisen. Du willst es jetzt wissen und es ist Dir jetzt Deinerseits egal, ob Dich der andere deswegen kleinlich oder aggressiv findet. Manche Menschen brauchen da eine klare Ansage. Bei anderen erreichst Du mit einer sanfteren, aber dennoch effektiven speziellen Gesprächstechnik mehr. Welche das ist, erfährst Du ein paar Zeilen tiefer.

Erklärt jemand, er habe sich aber auch gern um etwas gekümmert, versuche, ihn noch nachträglich beim Wort zu nehmen. Auch wenn inzwischen schon jemand anders mit einer ungeliebten Tätigkeit beschäftigt ist, solltest Du in so einem Fall dafür sorgen, dass diese angeblich so hilfsbereite Person sich doch noch kümmern darf – als Ablösung oder Unterstützung.

Wechsele die Perspektive

Im Umgang mit passiv-aggressiven Menschen kann ein Perspektivwechsel Wunder wirken. Stell Dir vor, Du wärst nicht sehr selbstbewusst. Es würde Dir schwerfallen, etwas abzulehnen oder eine abweichende Meinung zu vertreten. Du hast Angst vor ausufernden Diskussionen oder Konflikten. Dennoch möchtest Du nicht klein beigeben. Was liegt dann nahe? Genau: Du flüchtest Dich in eine der typischen passiv-aggressiven Phrasen oder Verhaltensweisen. Zudem machst Du regelmäßig die Erfahrung, dass Du damit durchkommst. Gelegentliches Murren oder Augenrollen von anderen nimmst Du dabei in Kauf, denn mehr hast Du dabei selten auszustehen. Hauptsache, Du gerätst nicht in Streit, aus dem sich womöglich unangenehme Konsequenzen für Dich ergeben.

Veranschaulichst Du Dir also den Hintergrund für passiv-aggressives Verhalten und versetzt Dich gedanklich in die Lage der so handelnden Personen, wirst Du mehr Verständnis für sie aufbringen und Dich in Zukunft weniger ärgern. Trotzdem heißt das nicht, dass Du das Verhalten dulden musst. Du hilfst diesen Menschen sogar mehr, wenn Du sie nicht mehr so einfach mit ihrem Benehmen davonkommen lässt. Weil Du ihre Situation verstehst, kannst Du einfühlsam darauf eingehen und sie zu einem direkten und konstruktiven Einbringen ihrer Anliegen ermutigen.

Bewährte Gesprächstechniken gegenüber passiv-aggressiven Menschen

Nicht nur, was man sagt, sondern auch, wie man etwas sagt, entscheidet über einen Gesprächsverlauf.

Bei einigen Menschen kommt es besser an, wenn Du sie auf sanfte Art „durch die Hintertür“ mit ihrem passiv-aggressiven Verhalten konfrontierst. Frage sie doch, ob sie etwas ärgert und ob sie sich ausführlicher dazu äußern möchten. Oder Du sagst, dass Du Dich durch ihren schroffen Ton verletzt fühlst beziehungsweise ihr Verhalten Dich verunsichert. Dadurch wird ihnen bewusst, dass nicht nur sie ihre Empfindsamkeiten haben, sondern andere ebenfalls.

Eine bei heiklen Themen erfolgreiche Gesprächsmethode ist die der Ich-Botschaften statt Du-Botschaften. Sagst Du nämlich zu jemandem: „Du machst es Dir aber einfach!“ oder „Du redest um den heißen Brei herum!“, klingt das aggressiv und anklagend. Passiv-aggressives Verhalten solltest Du jedoch nicht zwingend mit Aggressivität Deinerseits beantworten, sondern dem anderen mit geschickter Wortwahl eine Brücke bauen. Ideal dafür sind Ich-Botschaften, verknüpft mit Deinen Emotionen. Du sagst dann: „Ich fühle mich von Dir nicht ernst genommen, weil Du es Dir gerade ganz schön leicht machst.“ Oder: „Ich bin traurig, wenn Du nur um den heißen Brei herumredest. Ich würde mich freuen, einmal mit Dir in Ruhe über alles zu reden.“ Bei aller Freundlichkeit sollst Du dennoch ehrlich sein, also nicht übertrieben nachsichtig sein und auch nichts schönreden. Es genügt, im Gespräch die emotionale Ich-Form zu verwenden statt der Du-Form, die rasch als Vorwurf ankommt.

Passiv-aggressives Verhalten aufgrund einer Erkrankung

Die Gründe für passiv-aggressives Verhalten liegen auf der psychischen Ebene. Deshalb bestehen mit Verständnis, klärenden Gesprächen und Selbsterkenntnis gute Chancen zur Änderung hin zu einem offeneren, weniger aggressiven Verhalten.

Mangelndes Selbstbewusstsein und Konfliktscheu sind psychisch bedingt, stellen aber noch keine psychischen Erkrankungen dar. Letztendlich hängt jedes Verhalten mit der Psyche zusammen. Du solltest aber daran denken, dass passiv-aggressives Verhalten in einigen Fällen doch Ausdruck einer körperlichen oder psychischen Erkrankung sein kann. Es ist nicht immer Nachlässigkeit oder Sabotage, wenn jemand unordentlich ist oder dauernd zu spät kommt. Dahinter kann das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADS) oder Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivität-Syndrom (ADHS) stecken. Ist jemand auffällig langsam, kann auch das an einer Erkrankung liegen oder einem Medikament mit ermüdenden, dämpfenden Nebenwirkungen.

Von selbst sprechen die Betroffenen oft nicht darüber. Ein Gespräch unter vier Augen sorgt für Klarheit. Gerade wenn sich passiv-aggressives Verhalten bei einer Person häuft und erst recht, wenn Du schon einen Verdacht hast, solltest Du unbedingt das Gespräch suchen. Signalisiere Verständnisbereitschaft, gib aber auch zu verstehen, dass passive Aggression auf Dauer kein Ausweg ist. Anschließend solltet Ihr alle gemeinsam über die besondere Situation als Auslöser des Verhaltens sprechen und wie ihr damit umgehen wollt. Es geht vor allem um einen Kompromiss für beide Seiten. Der Erkrankte darf zu Recht Rücksicht erwarten, soll sich aber auch seinerseits um mehr Offenheit bemühen und an sich arbeiten. Sein Umfeld soll großzügig über gelegentliche passive Aggressionen hinwegsehen und zu mehr Direktheit ermutigen. So bedauerlich die Erkrankung ist, bedeutet das durch sie ausgelöste Benehmen für andere eine Belastung. Mit gegenseitigem Verständnis und Rücksichtnahme wird sich der Umgang verbessern. Was ebenfalls viel Gutes bewirken kann, jedoch oft zu kurz kommt, ist Humor – gerade auch in komplizierteren zwischenmenschlichen Situationen.

Kurz gesagt

Passiv-aggressives Verhalten mag zunächst widersprüchlich erscheinen. Doch bei näherer Erklärung des Begriffs wird jeder feststellen, es bereits bei anderen erlebt zu haben oder sogar bei sich selbst. Wer die Ursachen für passiv-aggressives Verhalten kennt – mangelndes Selbstbewusstsein und Konfliktscheu – kann angemessen darauf reagieren. Statt Resignation oder Gegenwehr sind Verständnis und Ermutigung zum Widerspruch, zum Vertreten einer eigenen Meinung und Gesprächsangebote die besseren Methoden beim Umgang mit passiver Aggression.

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