Erwecke die Kriegerin: Frauen im LARP – Interview mit Sonja von den Bracar Keltoi

Veröffentlicht am 31. August von Thorben Grünewälder in Freizeit

LARP – Live Action Role Play war einst ein Nischen-Hobby. Heute ziehen die großen LARP-Events mehrere tausend Besucher an. Darunter auch viele Frauen. Wir haben mit Sonja alias „Skaun“ vom Klan der Bracar Keltoi über die Faszination der Fantasy-Rollenspiele gesprochen und bedanken uns ganz herzlich bei den Fotografen Moritz Jendral und Ingo Turnwald für die schönen Bilder.

Rüstungen, Waffen und wilde Schlachten: Auf den ersten Blick scheint LARP eher Männer anzuziehen. Wie bist Du zu Deinem Hobby gekommen?

Lustigerweise waren es gerade die Rüstungen, Waffen und wilden Schlachten, die mich an diesem Hobby so fasziniert haben. Und so geht es tatsächlich vielen Mädels, die ich kenne. Gerade in unserer LARP-Gruppe werden extrem wenig Unterschiede zwischen Männern und Frauen gemacht. Bei uns kämpfen die Frauen genauso hart in der ersten Schlachtreihe, robben sich nachts genauso stundenlang durch den Dreck und gehen genauso an ihre körperlichen und psychischen Grenzen wie ihre Klan-Brüder.

Darin liegt sogar eine besondere Faszination: Als Frau ist es seltener, dass man in der „normalen Welt“ in einen echten Kampf verwickelt wird. Wir tragen Konflikte eben fast nie auf körperliche Art aus. Das ist im LARP ganz anders. Und wenn man plötzlich mit über zweitausend Männern und Frauen auf eine riesige Schlachtreihe zustürmt, bekommt man einfach ein wunderbares Adrenalin-Erlebnis. Das ist Action pur.

Fantasy Rollenspiel
Frauen im LARP: Sonja ist als „Skaun“ Mitglied der Bracar Keltoi, einer der bekanntesten deutschen LARP-Gruppen (Foto: Moritz Jendral).

Hast Du das Hobby gemeinsam mit Freunden gestartet, oder bist Du auf eigene Faust in das Live Action Role Play eingestiegen?

Ich habe mich schon immer für das Fantasy-Genre interessiert. Aber auf das Hobby wurde ich durch einen Freund aufmerksam, der mich zu meinem ersten Con mitgenommen hat. Da hat mich dann sofort der „Larp-Floh“ gezwickt. So regelmäßig, wie ich das aber mittlerweile mache, wurde es erst seit unser Freundeskreis die „Bracar Keltoi“ gegründet hat. Jetzt sind wir fast 50 Blutkelten und ich habe sozusagen eine zweite Familie.

Wie hoch schätzt Du den Frauenanteil unter den Larpern?

Das ist schwer zu sagen. Ich weiß, dass es immer wieder versucht wurde das genauer herauszufinden. Ich würde spontan sagen, es sind so 40 Prozent. Auf jeden Fall sehe ich immer mehr Frauen in unserem Hobby aus allen Alters- und Gesellschaftsschichten. Das ist meiner Meinung nach auch das Besondere am LARP: Dass hier wirklich Menschen aus allen Bereichen des Lebens zusammenkommen, ihre normalen „Schubladen“ vergessen und zusammen etwas Großartiges und unglaublich Kreatives erschaffen.

Würdest Du sagen, dass viele Frauen eher „weiche“ Charaktere wie Mägde oder Magierinnen bevorzugen oder ist das ein Vorurteil?

Wer hat denn gesagt, dass Magierinnen „weich“ sind? Tatsächlich kann man die Stärke, mit der ein Charakter gespielt wird, kaum an seiner „Klasse“ fest machen – also daran, ob er einen Krieger, einen Bettler, oder einen Schurken spielt. In all diesen Bereichen sind Frauen vertreten – und genauso wie bei Männern gibt es die, die lieber sanft und zurückhaltend spielen und die, die gerne hart und kraftvoll spielen. Am Ende ist das ja eine Art interaktives Theater. Man sieht aber wirklich erstaunlich viele Frauen in der Schlacht, die an vorderster Front mitkämpfen. Und auch viele Frauen in Führungspositionen oder mit großer Verantwortung.

Ich erlebe es nur sehr selten, dass Frauen in diesem Hobby mit Vorurteilen belegt werden – und wenn das passiert, steht gleich die doppelte Menge an Larpern auf, um dagegen zu protestieren. Zumindest wenn es sich um Vorurteile außerhalb des Spiels handelt. Im Spiel werden natürlich gerne auch mal Schubladen bedient. Gut und Böse sind ja zum Beispiel ganz plakativ, es gibt sowohl militante religiöse Faschisten als auch „weiße Ritter“. Das gehört aber zum Spiel – außerhalb davon ist die LARP-Welt meist extrem tolerant und hält zusammen wie Pech und Schwefel.

Existieren im LARP auch reine Frauengruppen?

Ich persönlich kenne keine reinen Frauengruppen. Das heißt aber nicht, dass es sie nicht gibt. Unsere Freunde von den Ulumulus, einer großen LARP-Gruppe aus ganz Deutschland und Österreich, haben zum Beispiel einen Stamm, der nur aus starken Frauen besteht. Da habe ich schon den ein oder anderen Mann gesehen, der von so viel Frauenpower erstmal überfordert ist. Aber das ist ja einer spielerischen Herausforderung, der man sich auch stellen kann – am Ende geht es schließlich um Gleichberechtigung und nicht darum, dass ein Geschlecht „gewinnt“.

Viele Larper schneidern sich ihre Gewandung selbst und investieren viel Zeit in die Pflege ihrer Ausrüstung. Was unterscheidet die selbst erstellte Rüstung von einer gekauften?

Für viele Larper ist das Basteln ein weiterer Ausdruck ihrer Kreativität. Man tauscht sich untereinander aus, probiert die abgefahrensten Methoden aus, um Gewandungen zu basteln und Dinge zu erschaffen, die es bisher so noch nicht gab. Ich glaube viele Larper können eine Klopapierrolle auf 20 verschiedene Arten verwenden, um aus ihr etwas Cooles für das Spiel herzustellen. Der größte Unterschied zu einer gekauften Rüstung ist die Individualität. Sowas wird im LARP auch sehr gefeiert – das Besondere, das Außergewöhnliche und die eigene Kreativität.

Ich persönlich bin aber einfach bastelunfähig und hasse nichts mehr, als wenn mir schon wieder eine Nadel bricht. Dafür bin ich einfach zu ungeduldig. Ich kaufe gerne von guten Händlern oder lasse mir Sachen von wunderbaren Freunden anfertigen. Dann bin ich auch deutlich besser gelaunt (lacht).

Wer entscheidet eigentlich über den Ausgang der Schlachten? Gibt es da eine Art Übereinkunft oder gewinnt tatsächlich „der Stärkere“?

Zum Großteil entscheidet sich das wirklich dadurch, wer besser kämpft, welche Seite sich mehr traut, strategischer überlegt oder zahlenmäßig überlegen ist. Die Spielleiter haben aber auch Möglichkeiten, in den Kampf einzugreifen und ihn zu manipulieren. Auf dem Conquest, dem bisher größten LARP-Event der Welt, werden zum Beispiel sehr mächtige NSCs eingesetzt, um Stellungskämpfe aufzubrechen und Bewegung in das Spiel zu bringen. NSCs sind „Nicht-Spieler-Charaktere“ – für uns Spieler sind sie die klassischen „Bösen“, gegen die wir eben kämpfen.

Zu Beginn war Dein Charakter eine Art Magd, heute bist Du die wilde Keltenkriegerin. Wie kam es zu diesem Wandel?

Als ich mit dem LARP angefangen habe, habe ich erst ein paar Veranstaltungen lang in diese Welt reingeschnuppert. Da hatte ich gar keinen festen Charakter und auch keine große Hintergrundgeschichte. Erst als ich die Welt und das Hobby besser verstanden habe, habe ich auch gemerkt was ich eigentlich spielen möchte. Und so hat es mich zu den Kelten
gezogen. Vor vier Jahren haben wir dann die Bracar Keltoi gegründet, ein Klan von blutverschmierten Kelten, die mit einem fiesen Grinsen in jede Schlacht rennen.

Gibt es Zeiten, Szenarien oder Charaktere, die Dich ebenfalls reizen würden?

Absolut. Mittlerweile sind auch ein paar Charaktere in anderen Settings dazugekommen. Im September werde ich zum Beispiel das erste Mal das Sci-Fi-Con „Resistopia“ besuchen. Das spielt einige Jahre nach der Invasion von Aliens auf der Erde und ist natürlich ein ganz anderes Szenario. Plötzlich gibt es dann Strom, Bunker, Waren-Knappheit, Restistance-Kämpfer und Softair-Waffen. Und auch das Gelände ist ein ganz anderes. Statt keltischer Jurten auf riesigen Wiesen bin ich dann plötzlich in verlassenen Gebäuden, Bunkeranlagen und auf einem alten russischen Militär-Gelände.

LARP
LARP: Immer mehr Frauen entdecken das Live Action Role Play. Dieses Bild zeigt Nandalee und Juvilee, zwei Fey aus Atthagar (Foto: Moritz Jendral).

Gibt es auch Dinge, die Dich an LARP nerven?

Außer Basteln? Nichts, das nicht auch in anderen Hobbys vorkommen würde, bei denen viele Menschen zusammenarbeiten. Gerüchteküche, Politik, üble Nachrede, großer Organisationsaufwand: Am Ende zählt immer, was man selbst daraus macht. Für mich ist es unglaublich spannend zu sehen, wie große Menschengruppen funktionieren. Da gibt es eben Nein-Sager genauso wie richtig positive, weltoffene und herzensgute Menschen. In meinem Umfeld überwiegt aber das Zweitere.

Wie oft im Jahr nimmst Du denn an LARP-Veranstaltungen teil?

Dieses Jahr ist es besonders extrem. Ich würde sagen, ich bin im Schnitt einmal pro Monat auf einer Con. Manchmal mehrere Wochenenden hintereinander, manchmal gibt es auch ein paar Monate Pause. Alles eine Frage von Zeit, Lust und Finanzen. Theoretisch könnte man jedes Wochenende in ganz Deutschland LARPs in den verschiedenen Settings besuchen, wenn man wollte.

Mal eine praktische Frage: Wie läuft das eigentlich mit der Verpflegung? Müsst Ihr alles selbst mitnehmen, oder könnt Ihr im „LARP-Dorf“ alles Nötige kaufen?

Das ist von der Veranstaltung abhängig. Viele Cons sind Selbstversorger-Events. Dann kocht man vor Ort auf Feuerstellen, oder nimmt eben Dinge mit, die man kalt essen kann. Vor allem größere Cons haben aber auch ganze Städte aufgebaut, in denen es Fressbuden gibt. Ich kann auf dem Conquest übrigens den Wildschwein-Stand besonders empfehlen – dort gibt es unglaublich leckeres Hirsch-Cevapcici mit selbstgemachtem Senf.

Fantasy
„Noreia“ ist eine weitere Frau im LARP und Kriegerin der Bracar Keltoi. Die Rüstungen und Waffen sind teilweise selbst genäht und gestaltet (Foto: Ingo Turnwald).

Ist LARP eine teure Freizeitbeschäftigung?

Jein. Man kann es zu einem teuren Hobby machen. Die „Fixkosten“ sind die Tickets und eine Grundausstattung an Klamotten und Schlafmöglichkeit. So kann man gut spielen und viel Spaß haben. Und dann ist es ein bisschen wie mit Autos. Klar, kann ich mit dem gebrauchten Smart meiner Oma rumfahren. Oder ich hole mir eben einen 5er BMW und customize mir den so, dass er nicht nur mehr besser aussieht, sondern auch noch ordentlich Wums hat. Sprich: Mehr, aufwändiger, besser und teurer geht immer.

Bleibt Dir noch Zeit für andere Hobbies?

Andere Hobbies habe ich nicht, nein. Ich bin gerne in den Bergen, mache Geocaching, gehe viel mit meinem Hund in die Natur, treffe mich mehrfach pro Woche mit meinen Freunden oder geh in München weg. Aber für ein zweites Hobby fehlen mir Zeit und Lust.

Wenn Du einen Wunsch frei hättest: Welches Szenario – egal wie groß, aufwendig oder verrückt – würdest Du gerne einmal im LARP erleben?

Da fallen mir auf Anhieb ungefähr 10 Sachen ein. Aber ich werde am meisten über visuelle Dinge gereizt. Für mich ist deshalb die Location das Spannendste. Ein Larp in der Südsee, im Dschungel oder auf Island – je größer die Herausforderung, umso besser.

Liebe Sonja, wir danken Dir für das tolle Interview und wünschen Dir viel Spaß bei Deinen nächsten LARP-Abenteuern.

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